Freitag, 7. November 2014



Buch „Jüdisches Leben und Leiden in Konstanz – 50 Jahre Israelitische Kultusgemeinde 1964-2014“ von Erhard Roy Wiehn erschienen
Europäischer Tag der jüdischen Kultur 2014 mit eindeutigem Bekenntnis zur Solidarität mit Israel gab den Anstoß

In diesem Jahr kann die Israelitische Kultusgemeinde Konstanz auf 50 Jahre ihres Bestehens zurückblicken. Dieses Jubiläum wurde am 14. September 2014 anlässlich des Europäischen Tags der jüdischen Kultur in einer Feierstunde, bei der ein Festvortrag des Konstanzer Soziologieprofessors Erhard Roy Wiehn im Mittelpunkt stand, gewürdigt. Wiehn,  der die Konstanzer Gemeinde seit ihren Anfängen kennt, war unter anderem von 1974–2002 Professor im Fachbereich Geschichte und Soziologie an der Universität Konstanz. In dieser Zeit brachte er auch die Partnerschaft zwischen den Universitäten Konstanz und Tel Aviv auf den Weg, war Mitbegründer der Deutsch-Israelischen Gesellschaft Bodensee und 1974–1992 ihr Vorsitzender. Er ist Mitglied der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Konstanz, der „Stolperstein-Initiative“  und  in Kreuzlingen Co-Präsident der dortigen Jüdischen Gemeinde. International hohes Ansehen erwarb sich Erhard Roy Wiehn auch mit seiner „Edition Schoáh & Judaica“, in der zahlreiche Schriften zur Holocaust-Forschung und Zeitzeugendokumente erscheinen.

Als  offizieller Vertreter der Stadt Konstanz fand Stadtrat Anselm Venedey zuvor in seiner Begrüßungsrede deutliche Worte der Solidarität mit Israel, Worte,wie man sie in den Tagen des Gazakrieges in der deutschen Öffentlichkeit leider allzu selten  hören oder lesen konnte: „Israel verteidigt sein Recht auf Selbstbestimmung innerhalb seiner Grenzen gegen Angreifer, denen es in Wirklichkeit nicht darum geht, sich zu verteidigen oder Israel zu vernichten – sondern einzig und alleine darum,  Juden auszulöschen. Antisemitismus“, so Venedey, „ist der Beweggrund für die Angriffe auf Zivilisten, Frauen und Kinder in Israel. Menschen werden angegriffen, weil sie Juden sind und nicht etwa weil sie für eine falsche Sache einstünden. Und wie reagiert ein großer Teil der deutschen Öffentlichkeit? Mit Solidaritätsbekundungen für die Hamas und ihre Anhänger. Ein Mob zieht durch die deutschen Städte und skandiert antisemitische Parolen, Umfragen ergeben, dass zwischen 20 und 40 Prozent der Deutschen latent antisemitisch sind. Was ist dieser gefährlichen Mischung aus muslimischen Radikalen, pseudolinken Intellektuellen und dumpfstirnigen, ewiggestrigen Deutschtümlern entgegenzusetzen?
Ich meine: Die Sicherheit und das offene Bekenntnis, dass das weltoffene, liberale Israel der beste Platz im Nahen Osten für alle in der Region Unterdrückten ist. Die Gewissheit, dass Israel zwar ein religiöses Land – aber eben kein Gottesstaat ist. Ein Land in dem die Freie Rede gilt, in dem Lebensentwürfe, die der reaktionären ‚Norm‘ nicht entsprechen, gelebt werden können, ein Land das Herausragendes in der Wissenschaft leistet und, und so schliesse ich den Kreis zum heutigen Tag, ein Land, das großartige kulturelle Leistungen vollbracht hat und noch immer verbringt. Es ist die Kraft Israels, das Heimatland einer bemerkenswerten kulturellen Vielfalt zu sein, einer Kultur, die sich eben nicht von den anderen Kulturen abschotten oder diese assimilieren will. Die Heimat einer Religion, die nicht die Ungläubigen bekehren und unterjochen will – sondern die die Menschen im besten humanistischen Sinne das sein lässt, was sie sein wollen, solange das mit den Idealen einer aufgeklärten Gesellschaft vereinbar ist“.

Schließlich berichtete Benjamin Nissenbaum, ehemaliger Vorsitzender und nun Ehrenvorsitzender der Kultusgemeinde in seiner Begrüßung von den Anfängen der von seinem Vater Shimon Nissenbaum sel.A. gegründeten Gemeinde und deren Weiterentwicklung bis heute sowie von ersten G’ttesdiensten und Feiern in der kleinen, inzwischen erweiterten Synagoge in der Sigismundstraße 19. Er betonte, dass die Synagoge nun seit 50 Jahren als „Ort der Verständigung zwischen Religionen und Menschen lebt und als Lehr- und Lernstätte für alle Interessierten dient“ und dass die öffentliche Judaica-Bibliothek der Gemeinde sogar von Interessenten aus dem Ausland aufgesucht wird.

Da aber inhaltliche Details von Reden, so Erhard Roy Wiehn, jedoch leicht vergessen würden,  kam an diesem Tag der Gedanke auf, ein Buch zum 50jährigen Bestehen der Konstanzer Kultusgemeinde herauszubringen, gemäß dem Motto aller Schriften seiner „Edition Schoáh & Judaica“: „Was aufgeschrieben, veröffentlicht und in etlichen Bibliotheken in der Welt aufgehoben ist, wird nicht so schnell vergessen, damit daraus vielleicht gelernt werden kann“.

Bereits am 4. November fand  die offizielle Buchpräsentation der Neuerscheinung „Jüdisches Leben und Leiden in Konstanz – 50 Jahre Israelitische Kultusgemeinde 1964-2014“ von Erhard Roy Wiehn im Vortrags- und Kidduschraum, passend direkt zum Anlass neben der Dr.-Erich-Bloch-und-Lebenheim-Bibliothek der Gemeinde, statt. 


Der Band enthält im Hauptteil die Ansprachen von Benjamin Nissenbaum und Stadtrat Anselm Venedey beim Europäischen Tag der jüdischen Kultur sowie den Festvortrag von Prof. (em.) Dr. Drs. h.c. Erhard Roy Wiehn M.A. an diesem Tag. Wiehns Text beleuchtet zunächst die wechselvolle Geschichte der Juden in Konstanz von 1241 bis 1448 und der Israelitischen Gemeinde von 1863 bis 1940. In seine Betrachtungen über die Entwicklung der Israelitischen Kultusgemeinde seit 1964 fließen lebendige persönliche Erinnerungen an Ereignisse und Erinnerungen an verschiedene Mitglieder der Gemeinde ein.

Erschienen ist also auch dieses Buch in der Reihe „Edition Schoáh & Judaica/ Jewish Studies“ des Konstanzer Verlags Hartung-Gorre. Neben der Paperbackausgabe erschien es gleichzeitig in einer repräsentativen Extraauflage mit festem Einband. Einen Teil davon wird Benjamin Nissenbaum als Geschenk an Schüler, die am 9. November an der Gedenkfeier an die Reichspogromnacht teilnehmen, die die Gemeinde besuchen oder sich im Unterricht mit jüdischem Leben in Konstanz beschäftigen, weitergeben – ganz in Bezug zum Titel seiner Einleitung am Beginn des Buches: “Den Toten zur Ehre, den Lebenden zur Lehre“, dem Leitsatz von Rabbiner Dr. Lothar Rothschild sel. A. aus St. Gallen bei der Einweihung der Konstanzer Synagoge im Jahre 1966.

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 Thomas Uhrmann,
Leiter der Dr.-Erich-Bloch-und-Lebenheim-Bibliothek der Israelitischen Kultusgemeinde Konstanz

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